Samstag, 12. August 2017

Zeit heilt keinen Wunden. Sie macht sie stumpf.

Am Anfang ist es immer am schlimmsten, sagen sie. Es wird leichter mit den Tagen, meinen sie. Der Schmerz verebbt mit den Jahreszeit, glauben sie.

Kurz nachdem du mich verlassen hast, hätte ich sterben können vor Schmerz. Die Erinnerungen waren frisch und scharfkantig, haben sich farbenfroh unter meine Haut gebrannt. Dein Gesicht tauchte immer wieder vor meinem inneren Auge auf, scharfgestochen sah ich deine Konturen und braungrünen Augen, obwohl sie nicht mehr da waren. Deine Stimme wisperte in meinem Ohr die zimmerselben Worte von gescheiterter Liebe und der Unfähigkeit, sie zu heilen. Deine Hände strichen mir im Schlaf über das Gesicht, obwohl sie mich nie mehr berühren würden. Ich glaubte, dich für immer verloren zu haben und gleichzeitig für immer an dich gebunden zu sein. Verdammt zu sein, dich ein Leben lang zu lieben. 

Es wurde nicht leichter. Nichts verebbte. Alles blieb, wie es war. Und doch wurde es anders. 
Ich musste weiter machen, auch wenn nichts und niemand mehr auf mich wartete. Oder gerade deswegen. Auch wenn mein innerliches Kind immer noch wie ein Häufchen Elend in sich zusammengekauert lag, sich nicht aufraffen konnte und wollte, trieb mich der Alltag und seine wiederkehrenden Prüfungen dahin. Du warst für mich präsent, für die Person  in mir, die dich immer noch liebte und an dir festhalten wollte. Doch gleichzeitig wurdest du blasser.
Mein inneres Kind krallte sich an dir fest, spulte jeden gemeinsamen Moment vorwärts und zurück, ließ mich unaufhörlich erleben, wie du mich liebtest. Und mich dann verlassen hast. Was sollte ich tun? 

Man akzeptiert, was man nicht ändern kann.
Auch wenn meine neue Realität weh tat und ich nicht darin leben wollte, konnte ich mich ihr nicht entziehen. Ich nahm an, was du mir hinterlassen hattest. Ich verbarg mein gebrochenes Herz vor mir selbst und der Welt und fing an, mich liegen zu lassen. Der Mensch, der dich liebte, saß immer noch auf meinem Bett und weinte sich die Augen aus, aber er war nicht mehr täglich bei mir. Meine Schritte von mir weg waren so bestimmt, und auch wenn sie meinen Magen rebellieren ließen, war es das einzige, was ich tun konnte, um nicht bei dir gefangen zu bleiben. Wenn ich nicht mehr ich wäre, würde ich dich nicht mehr lieben müssen. Ich wäre frei und ungebunden, könnte Spaß haben. 
Und das tat ich. Feierwütig stürzte ich Getränke runter und mich selbst in Menschenmengen, küsste fremde Menschen und schlief nicht mehr zuhaus'. 

Ich war weit weg von mir. Und gleichzeitig war ich mir selbst nah.
Neuerfindungen tun mitunter gut, wenn man es aufrichtig meint. Doch meine Unehrlichkeit meiner selbst gegenüber sollte mir noch öfters eine Ohrfeige verpassen. Denn egal wie sehr ich glaubte, mein altes Ich nicht mehr zu kennen, nichts mehr von dir zu wissen...du warst trotzdem da. Kurz bevor der Tag anbricht am Bahnhof, gegen Tagesende zwischen tausenden Menschen, ich fand dich. Zufällig. Schmerzhaft. Altbekannt.

Vielleicht wird es nie besser. Aber es wird anders.
Mein Selbstbetrug funktionierte zwar nur beschränkt, doch genug um zu überleben. Bis du dich wieder in meinem neuen Leben manifestiertest. Zuerst nicht bewusst, nicht gewollt, nicht gebeten. Aber mein inneres Ich, das ich vorgab nicht zu sein und kennen, ließ dich juchzend und glücklich durch die Hintertür. Plötzlich schrieb es dir jeden Tag, bat dir eine Schulter zum anlehnen und ausheulen, ließ sich von dir abholen, umarmen und schlief mit dir. Es glaubte fest an dich. Und es glaubte an eine verlorene Liebe. 

Mein inneres Kind war das Alte. Ich hingegen, war jemand anderes.
Spontanität durchbrach letztendlich den Bann, dem die Zeit niemals ein Ende hätte setzen können. Mit einer halben Welt und etlichen Stunden zwischen uns, wurde es plötzlich leichter. Die Erinnerungen verebbten. Ich füllte meine Leere mit Erlebnissen, während sich meine Herzsplitter jemand anderen anlachten. Jemanden mit Bestand. 

Bis heute.
Endgültigkeit hinterlässt eine Schwere, die ich nicht mehr tragen kann. Ich glaube nicht mehr an für immer, sehe kein rosarot in der Zukunft. Du bist immer noch da, nachts verfolgst du mich. Es tut manchmal weh und ich glaube, diese eine Liebe vergeht nie. Und doch habe ich gelernt, damit zu leben. 

Du bleibst besonders. Auch wenn ich dich kaum noch sehe.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen